Dienstag, 18. September 2012

dOKUMENTA(13)

Nein, der Titel ist kein Schreibfehler, das heißt wirklich so.

Die dOKUMENTA ist eine internationale Kunstausstellung, die alle vier Jahre in Kassel stattfindet.
Kassel, ehemals die hässlichste Stadt Europas, wird für exakt einhundert Tage zu einem leuchtenden, bunten Gesamtkunstwerk.
In der Nachkriegszeit war Kassel eine graue Stadt, die von der Herrschaft der automobilindustriellen Veränderungen zu profitieren versuchte. Entstanden ist ein Monstrum von Schnellstraßenkreuzung, das in den späteren Jahren die Innenstadt Kassels plattwalzte.

Jetzt ist Kassel, die ehemalige Autostadt, eine Metropole, von der es heißt:
"Ich hätte auch zu Hause bleiben können. So interessant ist das hier nicht."
Lustig, denn Kassel hat den schönsten Kurpark Deutschlands.
Wild wachsen Blumen, Bäume, neben Wegen und Stegen über kleine Seen, Statuen griechischer Sagen auf großen Plätzen, romantische Lichtungen und ein komplett märchenhafter Charakter...

Einhundert Tage, alle vier Jahre, erstrahlt Kassel im Glanze der Kunst aus der gesamten Welt.
es ist allerdings nicht die träge, altmodische Malerei, sondern moderne Kunst, die farbensprühend die Welt erobert.
Leider ist es, wie in der Kunst allgemein, unmöglich, ein Kunstwerk zu verstehen, wenn man nichts über den Künstler weiß.

hier ein paar Beispiele:

Amy Balkin.
Tausende Briefe an einer Wand, eingerahmt, verglast, auf der einen Seite.
sechs Briefe auf der anderen Seite der Wand, ebenfalls eingerahmt.
Diese Künstlerin hat etwas komplett verrücktes versucht:
sie hat die vielen Briefe auf der rechten Seite der Wand geschrieben. Alle sind an eine Person gerichtet: den Bundesumweltminister Peter Altmaier.
In diesen Briefen bittet sie um die Aufnahme der Atmosphäre in das Weltkulturerbe, denn unser Klima ist bedroht, es ist schon fast zu spät.
Und diese Frau versucht mit all den Briefen etwas Unmögliches, doch gleichzeitig Beeindruckendes.
Auf der linken Seite der Wand hängen die wenigen Antworten, die sie bekam.
allesamt negativ, verneinend, abweisend.
Traurig, oder?
Neben der Wand steht ein kleiner Tisch mit Postkarten. Auf der Vorderseite ist eine Kurzfassung der Briefe abgedruckt, auf der Rückseite ist als Adresse die Anschrift Altmaiers eingetragen.
Wer diese Postkarte abschickt, stimmt dem Vorschlag zu.
Der Stand ist umringt von hunderten Personen, die verzweifelt versuchen, noch einige Exemplare zu erhaschen und den Bundesumweltminister einmal ordentlich einzuheizen...

Korbinian Aigner.
Von ihm stammt eine ganze Wand, die mit postkartengroßen Minigemälden bestückt ist.
Jedes dieser Kleinkunstwerke zeigt ein und das selbe Motiv:
Zwei Äpfel, in immer denselben Positionen zueinander, immer verschieden jedoch allein durch Farbgebung, Apfelsorte, Pinzelführung und Hintergrund.
Doch das erstaunliche daran ist nicht, dass der Künstler ein überdurchschnittliches Durchhaltevermögen besaß, immer nur Äpfel zu malen, sondern die Geschichte dahinter.
Aigner war Pfarrer zur Zeit des Nationalsozialismus.
Er war einer der wenigen, die aufgrund ihrer Position das Volk zum Widerstand aufriefen, gegen die Terrorherrschaft Hitlers predigten.
Dafür wurde der Hobbyapfelzüchter in ein Konzentrationslager gesteckt und musste mit den anderen Mitgefangenen leiden.
Aber er gab die Hoffnung nicht auf.
aus einigen Apfelkernen, die er in den Boden des KZs pflanzte, zog er mehrere kleine Apfelbäume.
Dieses kleine Wunder inmitten von Blut, Mord, Schrecken und Angst, gab den Gefangenen den Mut, während einer Überführung zu fliehen.
Aigner nahm seine Äpfel mit, versteckte sich und züchtete weiter.
Er malte alle seine eigens gezogenen Apfelzorten, die er nach KZ 1, KZ 2, KZ 3 und so weiter benannte, aber auch hunderte andere Sorten.
Bis heute ist von seinen Äpfeln nur die Sorte KZ 3 übrig, die ihm zu Ehren den Namen "Korbiniansapfel" trägt.

Nalini Malani.
ein unheimlicher Raum unter der Erde.
er ist komplett leer, bis auf fünf riesig Plastikzylinder, die von der Decke hängen.
Jeder Zylinder ist mit bunten Farben bemalt, seltsame Motive.
Eine anatomische Skizze der menschlichen Wirbelsäule, ein Beckenknochen, eine indische Gottheit, Schlangenmonstren, eine Schere und diverse Ungeheuer aus den längst vergessenen Sagen alter Zeit.
Dieses Werk ist die Kunst der Neuzeit: Die Zylinder werden von allen Seiten angestrahlt, mit buntem Licht, Videoprojektionen und flirrenden Punkten.
Jeder Zylinder spielt wie eine Filmrolle immer wieder dieselben Motive ab, während er sich dreht. Und doch kommt immer wieder eine neue Kombination zustande.
Aber alle sagen aus:
Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie...
In ihrem Kunstwerk thematisiert Malani die Gleichberechtigung der Frauen, den Krieg, die Ungerechtigkeit und will mit ihrer außergewöhnlichen Inszenierung einen bleibenden Eindruch verschaffen.




Joseph Beuys.
Ein Künstler der vergangenen dOKUMENTA(7).
Er hat das größte Kunstwerk der Austellung geschaffen und, vermutlich, auch das Berühmteste.
Denn wer von der dOKUMENTA hört, der hat auch von den siebentausend Eichen des Beuys gehört.
Das Kunstwerk war eher eine Art Aktion.
Der Künstler hat exakt siebentausend Basaltblöcke auf den Platz vor dem Fridericianum gelegt. Und für jeden Block, für jeden einzelnen jahrmillionenalten Steinblock, hat er eine Eiche gepflanzt.
Beuys hat damit die gewatigste Umweltaktion seiner Zeit erfunden, alle siebentausend Eichen befinden sich in Kassel.
und an jeder der Eichen wurde einer der Basaltblöckle aufgestellt.



Leider bin ich nicht in der Lage, alle Künstler aufzuzählen.
Zum Beispiel hätte ich gerne noch von der Videoführung durch den Bahnhof, von der Müllhalde und den Hunden mit den pinken Beinen, von dem weißen Geist und den dreihundert Zelten, von dem Haus des Lebens, von dem Wind, von dem Galgenkonstrukt oder dem Kupferbaum erzählt.

Aber... lieber nicht.
Ich kann nur sagen, dass es sich gelohnt hat.
Für eine 14€ Fahrt und 6€ Eintritt... Ich kann nicht meckern.
Nicht mehr.
Hier sind noch mehr Informationen zur dOKUMENTA:

http://www3.documenta.de/de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Documenta
http://www.kassel.de/kultur/documenta/12513/

Liebe Grüße: Piscem



PS.: Ate war nicht mit. hat verschlafen.